Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (III)

Das lenkbare Luftschiff

Luftschiffe (ob nun als »Zigarren« oder als Ballons) mit Motoren und Steuervorrichtungen gab es bereits, bevor die Serie entstand. Ein alltäglicher Anblick waren sie jedoch noch lange nicht. Die große Zeit der Luft-»Fahrt« stand erst noch bevor. Luft-»Fahrt« heißt es übrigens, weil ein Luftschiff im Gegensatz zu einem Flugzeug nicht »fliegt«, sondern (dank seiner mit Gas gefüllten Kammern) schwebt. Wenn es sich zusätzlich auch noch in der jeweils gewünschten Richtung vom Fleck bewegen soll, braucht es einen Antrieb, und mit dem fliegt es eben nicht, sondern es »fährt« – wie ein Auto. Übrigens sind nicht alle Luftschiffe auch »Zeppeline« – diese Bezeichnung war eigentlich für die Modelle mit durchgehend starrem Aluminium-Gerippe reserviert, wie der berühmte Graf Zeppelin sie bauen ließ.

Das Gefährt des Kapitän Mors ist durch und durch SF, seiner Zeit himmelweit voraus. Allein schon die Geschwindigkeit, mit der es von Kontinent zu Kontinent eilt, wäre auch heute noch höchst beachtenswert. Abgesehen davon ist es im Vergleich zu allen anderen Luftschiffen der damaligen Zeit sehr groß. Wie viel Platz der »große Lenkbare« bietet, zeigen folgende Daten: Die Stamm-Besatzung umfasst rund dreißig Mann, die teils in bequemen Einzelkabinen untergebracht sind. Im Verlauf der Serie und je nach Bedarf kommen weitere Techniker, Ingenieure und andere Hilfskräfte hinzu. Das Luftschiff muss und kann für all diese Menschen Nahrung, Wasser und sonstige Vorräte transportieren, dazu Ersatzteile, Waffen, Munition und alles, was man sonst noch so braucht. Hinzu kommen bei jedem Raubzug Millionenwerte in Gold. Diese tonnenschwere Last hätte jedes echte Luftschiff jener Zeit erfolgreich in eine an den Boden genagelte Gold-Ente verwandelt.

Das Luftschiff verfügt über ultrahelle Scheinwerfer und ein enorm starkes Nebelhorn. Wenn sich ein so riesiges Objekt über einen flüchtenden Verbrecher setzt, ihn verfolgt und ihn die ganze Zeit im grellen Kegel seiner Scheinwerfer hält, dürfte das schon eine ziemlich demoralisierende Wirkung haben. Wenn dann auch noch das Nebelhorn losbrüllt, wirft das so manchen Schuft buchstäblich um. Der große Rammsporn des Luftschiffs kommt nur selten zum Einsatz. Andere Waffen sind die »Dunstkugeln«, die es in zwei Ausführungen gibt. Die einen sind in erster Linie Stinkbomben, die jeden Gegner umgehend an die frische Luft treiben, die anderen sind Rauchbomben und machen den Gegner für Stunden bewusstlos. An Bord des Luftschiffs befinden sich des weiteren kleine transportable Elektrokanonen, stark genug, schwere Metalltore zu zerstören, und ein Elektrogeschütz, das einen ganzen Kreuzer auf einen Schlag vernichten kann.

Die geheimnisvolle Insel

Der geheime Stützpunkt des Luftpiraten befindet sich im Bereich der Neuen Hebriden. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs, fast komplett von hohen, schroffen Felsen umgeben. Im Schutz dieser Felsen liegen eine Siedlung, Pflanzungen, Montagehallen. Hier entstehen das Weltenfahrzeug und allerlei andere nützliche Dinge, die Kapitän Mors und seine Mitarbeiter ersinnen. Oben auf den Felsen gibt es eine Funkstation und ein Observatorium – kurzum: Das ist ein toller kleiner Stützpunkt.

Diese geheime Insel stellt sozusagen den utopischen Teil der Serie dar. Zur Verwirklichung seiner Pläne braucht der Luftpirat nicht nur Geld und Materialien, sondern auch Menschen, die seine Theorien in die Praxis umsetzen. Kapitän Mors rettet überall auf seinen Fahrten Menschen aus allerlei Not und Bedrängnis. Sie alle können bei ihm Unterschlupf finden. Allerdings müssen sie ihm ewige Treue schwören und sich dazu verpflichten, für den Rest ihres Lebens auf der Insel zu bleiben, sozusagen in freiwilliger Gefangenschaft. Das utopische Element besteht im Wesentlichen darin, dass dieses Konstrukt funktioniert. In der Realität würde dem Luftpiraten das Ganze ziemlich schnell um die Ohren fliegen.

Kapitän Mors hält es nämlich auf seiner Insel mit der Religion wie der Große Fritz anno 1740: »Bei mir kann jeder nach seiner Fasson selig werden.« Dementsprechend hat bei ihm jeder das Recht, seinen Glauben zu praktizieren – solange niemand dabei zu Schaden kommt. Nun entstammen aber all diese Leute einem wilden Völkergemisch. Es ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, dass die Toleranz des Luftpiraten mitunter komplizierte Folgen nach sich zieht. Ein orientalischer Sonnenanbeter missbraucht z. B. teure Teleskope als Brenngläser und fackelt damit ein Bündel Konstruktionszeichnungen ab, eine indische Witwe will sich unbedingt verbrennen, um ihrem teuren Gatten in die posthume Seligkeit zu folgen und weiß es überhaupt nicht zu schätzen, dass der Luftpirat ihr dieses grausige Schicksal ersparen möchte, und ein verkappter Herrscher aus dem Volke der Parsen beschließt kurzerhand, in Übereinstimmung mit seinem Glauben zwei bildschöne Schwestern zwecks Gründung einer neuen Dynastie zu ehelichen, ob die das wollen oder nicht. Solche Verhaltensweisen kann Kapitän Mors natürlich nicht dulden, und so beendet er derartige Differenzen mit einem Machtwort und notfalls einem Aufenthalt im inseleigenen Kerker. Danach ist die Sache für ihn erledigt. Für die Delinquenten gilt das allerdings nur bedingt. Sie fühlen sich ungerecht behandelt (schließlich haben sie nichts falsch gemacht, sind nur ihrem Glauben gefolgt) und sinnen auf Rache. Und so kommt es, dass Kapitän Mors recht häufig unter den Folgen seiner Toleranz zu leiden hat, wobei man ihm eine gewisse Naivität im Umgang mit seinen Wackelkandidaten nicht absprechen kann.

Auffällig ist, dass das Christentum in der Serie praktisch nicht vorkommt. Christliche Fanatiker waren bisher (bis Band 55 – da sind wir zu der Zeit, in der ich jetzt gerade über diesem Artikel schwitze) nicht am Werke, und Kapitän Mors spricht über seinen Glauben (falls er einen hat) ebenso wenig, wie über seine Vergangenheit. Das gilt auch für die Europäer an seiner Seite. Die Ingenieure Star und Terror gehen ganz und gar in ihrer Arbeit auf, und der Astronom van Halen widmet sich allein seiner Wissenschaft und denkt bei seinen Beobachtungen und Messungen nicht über Gott und die Welt nach, sondern nur über wissenschaftliche Schlussfolgerungen.

Was der Serie ebenfalls fehlt, ist die sonst zu jener Zeit übliche Deutschtümelei.

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