Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (V)

… und wie sie arbeiteten

Heftautoren stehen in keinem guten Ruf (das weiß ich aus eigener Erfahrung). Aber wie beim Enkel »Perry Rhodan« gibt es auch beim Luftpiraten große Unterschiede. Die Mehrzahl der Autoren waren gebildete, vielseitig interessierte Leute und emsige Zeitungsleser. Sie nahmen Bezug auf Naturkatastrophen, politische Unruhen, kriegerische Handlungen, technische Errungenschaften usw. und bedienten sich dabei jeder erreichbaren Informationsquelle. Manchmal kann man anhand dieser Informationen die Handlungszeit einzelner Romane datieren. Die Kernhandlung von Band 1 z. B. spielt am 27. Juni 1905. Ein Schiff der Schwarzmeerflotte, die »Fürst Potjomkin von Tauris«, läuft in den Hafen von Odessa ein. An Bord herrscht Meuterei. Zur gleichen Zeit befindet sich Odessa wegen eines Generalstreiks im Ausnahmezustand – ein historisches Ereignis aus dem Beginn der russischen Revolution und historische Vorlage für den berühmten Film »Panzerkreuzer Potemkin«. Vor diesem Hintergrund jagt der Luftpirat einige der Verschwörer, die ihn zum weltweit gesuchten Verbrecher gestempelt haben. In einem alten Stadtplan von Odessa kann man den Weg der Verschwörer vom Hafen bis zu ihrem Haus Schritt für Schritt nachvollziehen. Bestürzend realitätsnah ist die Schilderung des Erdbebens von Messina. Das ereignete sich am 28.12.1908 um 5.21 Uhr. Um die 100.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Dem Beben folgte eine verheerende Sturzwelle – ein Tsunami, aber dieses Wort war damals in Europa noch nicht gebräuchlich.

Manche Schilderungen sind so dicht, dass man meinen könnte, der betreffende Autor sei dabei gewesen, wie z. B. bei einigen Ereignissen im Russisch-Japanischen Krieg. Da ist die Schlacht von Mukden (dem heutigen Shenyang), der Hauptstadt der Mandschurei, im März 1905. In dieser Schlacht starben 150.000 Menschen, die russische Mandschurei-Armee entging nur knapp der Vernichtung. Im Roman sitzen ein italienischer Händler und seine hübsche Nichte mit all ihrer Habe und ihren Bediensteten in der Stadt fest und sind in größter Gefahr. Die Schlacht hat Mukden noch nicht überrollt, aber sie kommt immer näher. Wer nur irgend kann, flieht. In wenigen Stunden, wenn die letzten Militärzüge abgefahren sind, wird es kein Entkommen mehr geben. Mörder und Diebe nutzen die Situation, nehmen sich, was die Flüchtlinge zurücklassen mussten – eine beklemmende Stimmung, die punktgenau eingefangen ist.

Manches klingt nach Zeitreise: »Auf der Erde lagerte Dunst, aber Mors konnte dennoch sehen, wo Damaskus lag. An dieser Stelle hatte der Dunst, welcher die Landschaft bedeckte, eine andere, viel dunklere Färbung. Es war immer das Zeichen der großen Stadt.« (Band 47 »Turm des Todes von Damaskus«). Klar, logisch: Smog, vom Rauch vieler Feuer, mit denen gekocht, gebacken, gebraten und geheizt wurde – die Luftverschmutzung ist keine Erfindung der Neuzeit. Heutzutage hat so ziemlich jeder schon mal das Phänomen der bräunlichen Dunstglocken vom Flugzeug aus beobachtet. Aber 1908/1909 gab es noch keine Linienflüge. Die Luftfahrt stand noch ganz am Anfang. Selbst die berühmten Luftschiffe des Grafen Zeppelin waren noch eine Sensation, wo immer sie auftauchten. Woher also kannte unser unbekannter Autor die Sache mit dem Smog? Ist er vielleicht mal mit einem Ballon oder Zeppelin mitgeflogen? Oder hat er’s bloß irgendwo gelesen? Oder nur gut extrapoliert …

Im Schnitt nimmt die Temperatur pro tausend Meter Höhengewinn um ungefähr sechseinhalb Grad ab. Man kann sich die Verwunderung der Aeronauten vorstellen, als sie herausfanden, dass es ganz weit oben, jenseits einer unsichtbaren Grenze, wieder wärmer wurde. Die Grenze lag offenbar in einer Höhe um die 10 bis 12 Kilometer. Dort oben sank die Temperatur gen minus 50 Grad, und der Luftdruck betrug nur noch 25 Prozent dessen, was wir Menschen zum Atmen brauchen. Die Aeronauten kehrten von solchen Flügen mehr tot als lebendig zur Erde zurück – wenn sie überhaupt lebend herunterkamen. Das machte die Erforschung dieses seltsamen Phänomens extrem schwierig. Aber dann entwickelte man unbemannte Ballons, die in größere Höhen aufsteigen konnten, als es menschlichen Lungen zuträglich ist, und so kam man dem Geheimnis Schritt für Schritt auf die Spur: In unserer eigentlichen Atmosphäre (der Troposphäre) findet eine ständige Durchmischung der Luft senkrecht zur Erdoberfläche statt – so entsteht unser Wetter. In der Tropopause (das ist die Grenzschicht) endet diese Luftbewegung. Über der Tropopause beginnt die Stratosphäre mit der Ozonschicht, die die eigentliche Ursache für den damals noch so unerklärlichen Temperaturanstieg ist. Diese Erkenntnisse waren zu der Zeit, als der »Luftpirat« geschrieben wurde, gerade erst im Entstehen. Aber sie werden bereits in der Serie berücksichtigt.

Ein Rätsel ganz besonderer Art ergibt sich aus Band 37: Kapitän Mors fliegt in die libysche Wüste, um die Aufzeichnungen eines geheimnisvollen Hohepriesters aus den Überresten einer Stufenpyramide zu bergen. Ich habe diese Pyramide auf keiner Karte finden können. Vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht. Aber sicher bin ich mir da nicht, denn nach der Methode Schliemann habe ich im »Luftpiraten« schon vieles gefunden, das tatsächlich durchaus reale Hintergründe hat. Eine halb im Sand begrabene Stufenpyramide, relativ klein, fast ein bisschen mickerig, nicht zu vergleichen mit ihren großen Brüdern, abseits der großen Nekropolen – mag sein, dass sie in einem alten Reisebericht erwähnt wurde, von einem Abenteurer, der dreiviertel verdurstet, ein Tagebuch oder dergleichen in der Jackentasche, aus der Wüste gestolpert kam und dessen Fieberfantasien niemand ernst nahm. Bis auf einen Autor, der gerade eine noch unbekannte Pyramide für einen Roman benötigte. Und immerhin hat man erst vor kurzer Zeit auf einer Satellitenaufnahme genau so eine fast zerfallene Pyramide in Libyen entdeckt. Sie steht wenige Kilometer südlich von Marsa El-Brega, über tausend Kilometer westlich von Gizeh, nahe der großen Syrte.

Manche technischen Gimmicks sind historisch, andere nur gut erfunden. In Band 25 wird das lenkbare Luftschiff als Cargo-Lifter verwendet: Mittels zweier Ketten und stabiler Haken wird ein ganzes Segelboot aus seinem Versteck zwischen den Klippen gehoben und jenseits der Felsen ins Wasser gesetzt. – Ein paar Bände weiter kommt ein kleines Segelschiff zum Einsatz, das über eine Tarnvorrichtung in Form von rahmenlosen, nicht benetzbaren Spiegelgläsern verfügt: Sie spiegeln das Meer wider und machen das Schiff damit (geeignete Lichtverhältnisse vorausgesetzt) praktisch unsichtbar. – Ned Gully, ein übler Schurke und Verräter, bietet im Kampf gegen Kapitän Mors einen Senkrechtstarter und ein Zwei-Komponenten-Giftgas auf, das blitzartig wirkt und die Gesichter seiner Opfer schwarz färbt. – An Atombomben war zu jener Zeit noch nicht zu denken, aber in Band 28, »Der Sprengstoff des alten Mongolen-Zauberers«, geschieht etwas, das sich wirklich unheimlich liest: eine riesige Feuersäule steigt in den Himmel, dann rast eine Druckwelle heran, die die Menschen umwirft und über den Boden wirbelt. Anstelle einer einige Meilen entfernten Ortschaft gibt es bloß noch eine gigantische schwarze Wolke – die kleine alte Stadt ist bis auf die Grundrisse der Gebäude hinunter mit Mann und Maus vernichtet.

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