Rogue One: A Star Wars Story – Filmkritik

Kann ein Film, bei dem man das Ende (zumindest einen Teil davon) und die Auswirkungen auf ein ganzes Universum eigentlich schon kennt, funktionieren? Er kann. Und zwar bestens. Es ist wieder Weihnachten. Und vor Weihnachten macht Disney ja seit zwei Jahren mit Star Wars den Fans ein Geschenk in immer neuer Verpackung. Diesmal mit dem Unterschied, dass hier die Saga der Skywalkers nicht fortgeschrieben wird, sondern man in die Zeit vor Episode IV zurückgeht und sich einen Aspekt herausgreift, über den bisher allerhöchstens spekuliert wurde: woher und wie um alles in der Welt wissen die Rebellen, an welcher Stelle man den Todesstern knacken kann? Die Handlung dürfte dem informierten Fan schon bekannt sein, insofern erspare ich mir, großartig darauf einzugehen. Ebenso auf so manches Logikloch. Ok, gelegentlich stellt man sich schon die Frage, wieso kann es sein, dass…? Aber ich schaue solche Filme nicht, um mich auf die Suche nach der totalen Logik zu begeben, sondern weil sie mir einfach „nur“ Spaß machen.

Die Rebellen. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der seit Jahrzehnten gegen das mächtige Imperium kämpft. Mit unterschiedlichsten Motiven und mancher Warlord schießt dabei auch übers eigentlich gemeinsame Ziel hinaus. Hört sich irgendwie vertraut an, oder? Ich kann mir nicht helfen, aber stellenweise musste ich dabei an reale Bürgerkriegsszenarien denken. Und über allem steht die im Film mehrmals getätigte Aussage „Rebellion ist Hoffnung“. Da ist der Film verdammt aktuell und ziemlich politisch. Ob der in Syrien und gewissen anderen Ländern damit so ohne weiteres die Zensur passiert, wage ich daher zu bezweifeln. Und er betont mit diesem Slogan natürlich auch die Zugehörigkeit zu Episode IV.

Die Effekte. Schließen praktisch nahtlos an die Kippschalteroptik von Episode IV an. Oder gehen, korrekt ausgedrückt, ihr vorweg. Allerdings bleibt man dem in Episode VII eingeschlagenen Weg treu und hat zusätzlich zum wieder enormen CGI-Einsatz wohl vieles auch real gebaut. Was den Film sehr plastisch macht und auch in 3D seine Wirkung nicht verfehlt. An mindestens zwei Stellen entfuhr mir ein „Boah!“, denn diese Sequenzen sind in ihrer Perfektion wirklich SFX-Oscar-reif. Und das waren jetzt keine Raumschlachten, gelle?rogue-one-cast-720x720-720x720

Die Charaktere. Zu allererst. Es wird keinen Rogue Two geben. Punkt. Ansonsten hat man hier aber ein Ensemble an Charakteren, welches die jeweiligen Fähigkeiten perfekt ins Team einbringt und die bestens miteinander kooperieren. Leider ist das Thema „Sympathische Heldentruppe, die sich erst zusammenfinden muss“ nun bei Star Wars nicht allzu neu. Das kann man aber angesichts der Größe des Auftrags, der sich nur im team bewältigen lässt, aber verschmerzen. Sehr nett sind aber zahlreiche Cameo-Auftritte bekannter Charaktere aus dem Star Wars Universum. Die Cast-Liste offenbart da eine ganze Reihe „SW-Veteranen“. Und man wird wohl auch bei Rogue One darauf gespannt sein dürfen, welcher Promi in welcher Trooper-Rüstung steckt. Der „geheime“ Auftritt von Daniel Craig in Episode VII bleibt da ja unvergessen. Absolut nicht vermisst habe ich unsere bekannten Lieblinge, wie Han Solo, Prinzessin Leia oder Chewbacca, die in den „Haupt“-Filmen ja Träger der Handlung sind. Es gibt die eine oder andere Anspielung, aber unsere Rogue-Truppe kann durchaus auch auf eigenen Beinen stehen. Die „Macht“ ist zwar präsent und wird oft zitiert, aber von Jedi-Rittern ist weit und breit nichts zu sehen. Folgerichtig, denn bekanntlich wird der angeblich „Letzte“ der Jedi laut Film-Historie ja erst in Episode IV gefunden werden.

Das Setting. Wie bei Star Wars gewohnt, episch, riesig, breit und ausladend. Gigantische Raumschiffe, die bienenstockgleich von Horden an Jägern umschwärmt werden. Großartige Bilder, die man jedes für sich als überformatiges Poster aufhängen möchte. Und natürlich bunt. Eben fürs Kino gemacht. Man kann ja durchaus spasshalber mal zählen, wieviele verschiedene Völker in gewissen Szene so durchs Bild laufen. Die Galaxis ist halt multikulturell. Als Maskenbildner bei Star Wars hat man jedenfalls über Jahre hinaus ausgesorgt. Denn wie schon oben gesagt, es steckt noch viel Handarbeit darin. Und wie gewohnt, bekommen wir wieder verschiedene Planeten und Monde zu sehen. Ein alter Bekannter ist darunter sicher Yavin 4 mit seiner Rebellenbasis, die wir diesmal aber nicht nur als einen einzigen Hangar mit dem berühmten Ausguck gezeigt bekommen. Da ist dann doch schon etwas mehr los und man bekommt ein Gefühl dafür, wie wichtig diese Basis für die Rebellion ist und dass es eben nicht nur ein kleiner Versammlungsort für irgendwelche Hinterwäldler ist. Ansonsten haben wir die üblichen Wüsten- und Lava-Welten und, ich glaube, erstmals auch eine Schönwetterwelt mit Palmen. Als Trooper würde ich hier glatt mein Plastik ablegen, mich in den Liegestuhl legen und mir von netten Twilek-Damen einen pangalaktischen Donnergurgler servieren lassen. Aber nein, zum urlauben wird man sicher nicht auf dieser Welt sein.

Die Musik. Ok, wir hören natürlich auch das altbekannte SW-Thema von John Williams. Die Hauptarbeit hat aber diesmal ein anderer gemacht: Michael Giacchino, den man bestens als Soundtrackmixer der „neuen“ Star Trek-Filme kennt. Ich denke, das ist kein Zufall und da wird irgendwo im Hintergrund der gute JJ Abrams, dem wir ja Episode VII verdanken, die Finger im Spiel gehabt haben. Der Soundtrack betont zwar die Eigenständigkeit des Films, allerdings kann man schon beim Zuhören sagen: „Ja, das ist Star Wars.“ Mit der gleichen, durchaus geschickten Masche hat Giacchino ja schon das neue Star Trek-Universum vertont. Es dürfte sich lohnen, den Soundtrack unabhängig vom Film in den Player zu laden.

Zusammenfassung: Rogue One könnte für viele Neu-Fans der Einstiegsfilm in das klassische Star Wars-Universum bieten, den Episode VII hat vermissen lassen. Episode 1 bis 3 mit ihren Clone-Wars, Jung-Anakin & Co sind Vergangenheit. Täusche ich mich, oder hat man bei Disney erkannt, dass es doch besser ist, die „alten“ Fans zu bedienen und nicht nur auf die ausschließliche Rekrutierung neuer, junger Fan-Massen zu schielen? Rogue One hat mir um einiges besser gefallen als Episode VII, die hauptsächlich vom der Erwartung auf den Einsatz der uns bekannten Altstars gelebt hat. Disneys Anthologie-Serie, sollte sie denn fortgesetzt werden, bietet die Gelegenheit von altbekannten Pfaden abzuweichen und bisher unbekannte oder nur angerissene Aspekte des SW-Universums zu beleuchten. Davon gibt es ja mehr als genügend, wie der immense Output an Büchern und Comics beweist. Ich gebe dann mal 9 von 10 Punkten (der eine weniger soll als Motivation für die Macher dienen) und garantiere allen einen äußerst unterhaltsamen Kinoabend, egal ob Synchrofassung (steht bei mir noch aus) oder OV.

Roger Murmann

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