SF-Hörspiele bei audible

Zuschauer der Fernsehserie »Die Waltons« erinnern sich vielleicht an die Versammlungen der Familie vor dem klobigen Radioempfänger, um einer der in den Jahren der Depression beliebten Comedyserien zu lauschen. Die überwiegend kommerziellen Radiosender der USA ließen sich von Werbekunden nicht nur Comedy sponsern, sondern auch andere Genres wie Western, Krimi oder Spionagethriller und nicht zuletzt Science-Fiction, beginnend mit Radiofassungen der Flash-Gordon-Serials. Serien wie »X minus One« oder »Dimension X« wurden manchmal in Zusammenarbeit mit SF-Magazinen konzipiert und transformierten Erzählungen namhafter Autoren wie Isaac Asimov, Ray Bradbury oder Robert A. Heinlein in akustische Erlebnisse. Viele dieser Produktionen sind heute wieder erhältlich, zum Teil liebevoll restauriert und mit Hintergrundinformationen versehen, z. B. http://www.audible.de/pd/English-Science-Fiction-Fantasy/X-Minus-One-Hoerbuch/B00MMKQA5A.

In der Bundesrepublik wurde kommerzielles Radio erst in den 1980er Jahren zugelassen, das allerdings aus eben diesen kommerziellen Gründen kein Interesse an Hörspielen gezeigt hat. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hingegen widmete sich von Anfang an dieser Form der Unterhaltung, zumal anfangs die Konkurrenz durch das Fernsehen wegfiel. Hörspiele boten Theaterschauspielern eine zusätzliche Einnahmequelle, und viele der Namen, die im Abspann eines Hörspiels genannt wurden, tauchten später im Fernsehen oder auf der Leinwand auf, wo sich dann mit einer markanten Stimme ein Gesicht verbinden ließ.

Und nicht nur Vertonungen der »Hochliteratur« waren gefragt, sondern auch Krimis, die unter Literaturkritikern erst nach Jahrzehnten als respektables Genre wahrgenommen wurden, und – wenn auch als geringer Anteil unter den Gesamtproduktionen – die Science-Fiction, die es auch heute noch im Feuilleton schwer hat. Im Radio fand sie hingegen eine anerkannte Nische, und vor allem Dieter Hasselblatt bot mit seiner im Studio Heidelberg des SDR produzierten Reihe »Science Fiction als Radiospiel« zahlreichen SF-Autoren eine Plattform. Darunter sind bekannte Namen wie Wolfgang Jeschke, langjähriger Herausgeber der SF-Reihe im Heyne Verlag, Stanislaw Lem, Herbert W. Franke oder Eva Maria Mudrich, die speziell Hörspiele schrieb.

Allerdings hatte man als Liebhaber von Radiohörspielen in den Zeiten vor dem Internet und audible ein schweres Los, denn jede Rundfunkanstalt werkelte entweder separat vor sich hin oder in Kooperation mit ein oder zwei weiteren Sendern, und eine Produktion wanderte nach der Ausstrahlung ins Archiv, wo sie vielleicht mal für eine Wiederaufführung ausgegraben wurde. Wer zum Sendetermin verhindert war oder nicht im Empfangsbereich wohnte, hatte das Nachsehen, es sei denn, man kannte jemanden, der nicht nur in der passenden Ecke wohnte, sondern auch stolzer Besitzer einer Bandmaschine war und sich die teuren Bänder leisten konnte.

Science-Fiction-Fans waren allerdings schon recht früh vernetzt, bildeten Städtegruppen, regionale und deutschlandweite Clubs, produzierten Fanzines und tauschten Bücher. Die Hörspielfreunde unter ihnen nutzten die Kontakte zu Freunden in unterschiedlichen Sendegebieten natürlich zur gegenseitigen Versorgung mit Aufnahmen, was vor der Verfügbarkeit des Kassettenrekorders mit der Kopie und dem Versand von Tonbandspulen verbunden war. Teams, die Zugang zu einer Tonbandmaschine hatten, wagten sich bisweilen sogar an die Produktion eines eigenen Hörspiels; einige davon sind im Audioarchiv des Science Fiction Club Deutschland (SFCD) vorhanden.

Der SFCD wurde 1955 gegründet, und wie es der Zufall will, strahlten im selben Jahr gleich drei bundesdeutsche Radioanstalten ein Hörspiel namens »Das Unternehmen der Wega« aus. Einerseits mag die Berühmtheit des Autors den Anstoß gegeben haben, handelt es sich doch um Friedrich Dürrenmatt (1921–1990), andererseits war das Stück von Anfang an als Hörspiel konzipiert, sodass zeitlicher und finanzieller Aufwand für eine Bearbeitung wegfielen. Die betreffenden Sender waren der Bayerische Rundfunk, der damals noch existierende Nordwestdeutsche Rundfunk und der Südwestfunk, mittlerweile in den Süddeutschen Rundfunk integriert. Letztgenannte Produktion ist im Angebot von audible enthalten: http://www.audible.de/pd/Klassiker/Das-Unternehmen-der-Wega-Hoerbuch/B00MADOKVA. Seltsamerweise wandte sich der »Heimatsender« des Autors, das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) erst 1968 dem Werk zu und produzierte seine eigene Hörspielversion.

Als Dürrenmatt den Text in Angriff nahm, waren die USA in den Koreakrieg involviert, während die UdSSR gerade im Rüstungswettlauf mit erfolgreichen Tests der Wasserstoffbombe gleichgezogen hatte. Das Jahr 2255, in dem die Handlung spielt, sieht die Erde in einen westlichen und östlichen Machtblock geteilt, die auf eine kriegerische Auseinandersetzung zusteuern. Beide Blöcke nutzten die Venus als Strafkolonie, um ihre jeweiligen politischen Gegner und Schwerverbrecher zu entsorgen, eine Venus, die sich viele der damaligen SF-Autoren als jüngere Version der Erde vorstellten, unter deren undurchdringlicher Atmosphäre sich also ein urweltlicher Dschungel verbirgt.

Angesichts der sich zuspitzenden politischen Lage entsendet der westliche Block ein Raumschiff zur Venus, dessen Besatzung sich aus Diplomaten und Militärs zusammensetzt, dazu im Frachtraum sicherheitshalber einige Atombomben. Ziel der Mission ist es, die Bewohner der Venus für die westliche Seite zu gewinnen, aber nicht nur die dort herrschenden permanenten tropischen Gewitter bringen die Diplomaten ganz schön ins Schwitzen, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen auf unserem Nachbarplaneten. So finden es die an Hierarchien gewöhnten Diplomaten der Erde befremdlich, dass der Repräsentant der Venusier täglich wechselt, je nachdem, wer gerade dafür Zeit hat, egal ob Ärztin, deportierter Mörder oder Prostituierte, während die Bevölkerung angesichts der knappen Ressourcen und widrigen Natur ums Überleben kämpft.

Wir wissen natürlich mittlerweile, wie es auf der Oberfläche der Venus wirklich aussieht, dennoch ist dieses Hörspiel auch heute noch sowohl hinsichtlich Form als auch Inhalt empfehlenswert. Die einzelnen Gespräche der Delegation mit Vertretern der Venus werden als Tonbandaufzeichnungen wiedergegeben, also gewissermaßen als Aufzeichnung in der Aufzeichnung, die ja das Hörspiel an sich ist. Und über die vielen Gegensätze, die hier zur Sprache kommen (Ost–West, Erde–Venus, Politik–Militär, um nur einige zu nennen) lassen sich tief gehende Abhandlungen schreiben – siehe de.wikipedia.org/wiki/Das_Unternehmen_der_Wega.

Ganz seiner Entstehungszeit verhaftet bleibt leider die vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) zwischen 1958 und 1961 produzierte neunteilige Reihe »Abenteuer der Zukunft« (http://www.audible.de/pd/Science-Fiction/Abenteuer-Der-Zukunft-Hoerbuch/B01G8Y9IIG), deren Episoden wie »Raumstation Alpha schweigt« oder »Reise in die Zeit« an Titel erinnern, wie sie seinerzeit bei SF-Heftreihen wie »Terra« oder »Utopia« üblich waren. Für damalige Zuhörer mögen die Themen neu gewesen sein, aber wenn ein Sprecher notwendig ist, der erklären muss, was sich zwischen den Dialogen abspielt, die wiederum streckenweise gekünstelt wirken, damit Hintergrundinformationen vermittelt werden, ist das Dargebotene eigentlich nur noch zu empfehlen, wenn man sich über die Weltsicht der 50er Jahre informieren will. Zur Verbildlichung hilft es, die linke Seite des Bildschirms mit Wernher von Brauns Entwurf einer Raumstation zu füllen und die rechte mit dem Bild einer Sekretärin hinter einer Remington-Schreibmaschine, daneben den Zigarre rauchenden Chef.

Dann doch lieber Diana Rigg alias »Emma Peel« im hautengen Lederkostüm, was eine Verbindung herstellt zu einem gewissen – leider früh verstorbenen – Philip Levene (1926–1973). Levene schrieb nicht nur einige Episoden zu »The Avengers«, auf deutsch »Mit Schirm, Charme und Melone«, sondern wirkte auch bisweilen als Schauspieler darin mit. Drehbücher für ein visuelles Medium zu schreiben, gibt einem offenbar das notwendige Rüstzeug mit, auch im rein akustischen Bereich zu brillieren, nicht nur bei seiner heimatlichen BBC, sondern auch hierzulande, wo etliche seiner Krimihörspiele umgesetzt wurden.

Als SF-Krimi kann man durchaus sein »Terra Incognita« auffassen (Bayrischer Rundfunk 1962) (http://www.audible.de/pd/Krimi/Terra-Incognita-Hoerbuch/B00N2ZIQQ0), das mit seiner jazzig-fetzigen Eröffnungsmusik an die alten Edgar-Wallace-Filme erinnert und in seiner Liste an Mitwirkenden mit Namen wie Horst Tappert, Heinz Schimmelpfennig oder Karl-Michael Vogler glänzt.

Überall auf der Erde verschwinden berühmte Anthropologen plötzlich spurlos. Verbindendes Element sind eine mysteriöse Grube am Ort des Verschwindens und ein sirrendes Geräusch, das von Ohrenzeugen wahrgenommen wurde. Der von Tappert gesprochene Dr. Andrew Gauge, Sonderermittler von Scotland Yard, kann damit zunächst nichts anfangen, ebenso wenig wie mit dem seltsamen Schädel aus Südamerika, der bei einem unerklärlichen Stromausfall entwendet wird. Was all das mit unterirdischen Atombombentests zu tun hat, möchte ich hier nicht vorwegnehmen, sondern lieber auf diese Wiederentdeckung aus den Archiven des Rundfunks verweisen, die in der ungekürzten Version von 384 Minuten Laufzeit angeboten wird.

Warum »Der Tunnel« von Bernhard Kellermann (1879–1951) seinerzeit als Hörspiel für »jugendliche Hörer« beworben wurde, kann ich nicht so recht nachvollziehen. Vielleicht wurden die rund 18 Minuten langen Folgen im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt, denn weder Thema noch Dramaturgie lassen auf diese Zielgruppe schließen: http://www.audible.de/pd/Science-Fiction/Der-Tunnel-Hoerbuch/B01NCKP8CH.

Der 1913 im S. Fischer Verlag erstveröffentlichte Roman, auf dem dieses zehnteilige Hörspiel basiert, hatte in den darauffolgenden 25 Jahren eine Gesamtauflage in Millionenhöhe erreicht und wurde bereits zwei Jahre nach Erscheinen erstmals verfilmt, anschließend 1935 nochmals in Deutschland und 1937 in Großbritannien. 1975 produzierte der Südwestfunk diese 214-minütige Hörspielfassung mit Claus Biederstadt in der Rolle des Ingenieurs MacAllen, der das waghalsige Unternehmen eines Tunnels von New Jersey nach Nordfrankreich entwickelt und umsetzt.

In welchem Jahr diese Hörspielfassung spielt, ist nicht ersichtlich. Es wird einerseits auf das Apollo-Programm Bezug genommen, wo »Milliarden im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft geschossen« wurden, andererseits wird auf eine Massenarbeitslosigkeit in den USA angespielt, die eher zum Jahr 1935 der Zweitverfilmung passen würde, und die Schilderung des Journalismus erinnert eher an »Citizen Kane« als an Zeitungsredaktionen der 1970er Jahre. Die Umsetzung des Romans ins Medium des Hörspiels kommt außerdem nicht ohne den erklärenden Erzähler aus. Trotz dieser Schwächen bietet dieses Hörspiel kurzweilige Unterhaltung und ist als Umsetzung der Romanvorlage gelungen, die übrigens beim Projekt Gutenberg nachgelesen werden kann.

Sieben Jahre nach Erscheinen des Romans »Der Tunnel« wurde eine Dystopie verfasst, die leider immer noch im Schatten von Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« und George Orwells »1984« steht. Erst 1958 veröffentlichte der Verlag Kiepenheuer & Witsch eine deutschsprachige Ausgabe von Jewgeni Iwanowitsch Samjatins Roman »Wir«, und noch mal zwanzig Jahre dauerte es, bis der Südwestfunk daraus ein Hörspiel in zwei Teilen von je einer Stunde Laufzeit herstellte; es gibt außerdem eine um eine halbe Stunde kürzere Version des Bayrischen Rundfunks von 1985. Der Südwestrundfunk nahm sich 2014 der Vorlage erneut an (Laufzeit 95 Minuten): http://www.audible.de/pd/Science-Fiction/Wir-Hoerbuch/B014L4OPC4.

Samjatin (1884–1937) war zunächst Mitglied der Bolschewiki und Mitorganisator des berühmten Aufstands auf dem Panzerkreuzer Potemkin, distanzierte sich aber bald von den Zielen der Oktoberevolution und kritisierte Tendenzen, die sich dann in seiner Dystopie niederschlugen und ihm ein Schreibverbot einbrachten. Nach Jahren der Anfeindung durch Politiker und Schriftstellerkollegen durfte er 1931 nach Frankreich ausreisen. Erst 1988 erschien eine vollständige Fassung von »Wir« in der Sowjetunion.

Für die Hörspielfassung des SWR konnten Hanns Zischler als Stimme des »Wohltäters« gewonnen werden. Der »einzige Staat« ist eine von der »Grünen Mauer« umgebene Stadt. Sie reguliert rund um die Uhr den Tagesablauf seiner durchnummerierten Bürger (Männern wird ein Konsonant, Frauen ein Vokal vorangestellt), und wie sich den Tagebuchaufzeichnungen der Hauptperson D 503 entnehmen lässt, kann er diesem Zustand zunächst nur Positives abgewinnen. Um 22:30 Uhr begibt sich jeder in seiner rundum durchsichtigen Behausung zur Ruhe, und das Herunterlassen der Vorhänge ist – gegen Vorlage eines rosa Billetts – nur für zwischenmenschliche Begegnungen gestattet, und auch das für maximal eine Stunde.

D 503, verantwortlich für die Konstruktion des Raumschiffs »Integral«, das die Segnungen des einzigen Staats auf fremde Welten exportieren soll, ist es gewohnt, seine Umwelt in mathematische Formeln und geometrische Muster einzuteilen. Unregelmäßigkeiten und Abweichungen sind ihm ein Graus, wie sich im Auftauchen einer gewissen I 330 zeigt, die so ganz anders ist als die ihm zugeteilte O 90. I 330 beherrscht als Historikerin das Klavierspiel, und in einer beeindruckenden Szene des Hörspiels verunsichert sie ein Publikum, das an mechanisch erzeugte Musik gewöhnt ist, durch die Wiedergabe eines Musikstücks aus vergangenen Zeiten.

Für die Rundumversorgung der Bürger und den ihnen vermittelten Zustand des Glücks sind die »Beschützer« unter dem sogenannten »Wohltäter« verantwortlich, eine jährlich wiedergewählte Person, also keine Organisation wie später der »Große Bruder« in Orwells Dystopie, allerdings gibt es jenseits der Grünen Mauer sogenannte »Feinde des Glücks«, Sie infiltrieren den einzigen Staat und initiieren mit Hilfe von I 330 eine Rebellion gegen den »Wohltäter«.

Man erkennt Einflüsse von Samjatins »Wir« auf spätere Dystopien wie »1984« und Ray Bradburys »Fahrenheit 451«, die ebenfalls Vorlagen zu Hörspielen wurden, aber auch den Sprung auf die große Leinwand schafften. Von »Wir« existiert außer den Hörspielfassungen nur eine Verfilmung von 1982 für das ZDF-Fernsehspiel; man findet sie auf YouTube.

Dies sind nur einige Beispiele für Hörspielproduktionen aus dem Science-Fiction-Bereich. Vieles schlummert noch in den Archiven der Rundfunkanstalten und stammt aus Zeiten, als noch niemand daran dachte, dass diese Werke nach ihrer Ausstrahlung auf einem anderen Medium oder Vertriebsweg ihre Wiederauferstehung feiern könnten. Viele vermuten wohl auch, dass sich nach dem Siegeszug von TV, Videorekorder, DVD und Streaming nur noch eine Minderheit für rein akustische Medien begeistern würde. Aber wie beim Hörbuch wächst auch beim Hörspiel – seien es kommerzielle Produktionen oder Aufnahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – die Schar der Liebhaber, und so bleibt zu hoffen, dass sich die Archive des Rundfunks öffnen und nach Klärung der notwendigen Rechte ihre Schätze wieder allgemein zugänglich machen.

Thomas Recktenwald
Lenzkirch, den 26.02.2017

Dieser Artikel kann auch in den ANDROMEDA NACHRICHTEN 257 nachgelesen werden: hier.

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