Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (I)

Um es vorweg zu sagen: Diese Serie ist in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, und es ist sehr schwer, heutzutage noch etwas über sie herauszubekommen. Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Sie umfasst 165 Hefte mit je 32 Seiten. In Band 165 steht das Wort »Ende«. Es gibt keine weiteren Hefte (zumindest hat noch kein Sammler ein Heft jenseits der 165 gefunden. Aber man kann ja nie wissen …) Das Format entspricht dem des viel später erschienenen »Enkels«. Auf der Rückseite ist von Band 2 bis Band 93 jeweils das Luftschiff abgebildet, bei den Weltraumheften das Weltenschiff. Bei den Bildern handelt es sich um fast so etwas wie eine frühe Form von Risszeichnungen, wobei jeweils auf Seite 32 die entsprechenden Erklärungen nachzulesen sind.

In dem Buch »Science Fiction in Deutschland« von Manfred Nagl steht zu lesen, dass der Luftpirat laut der Zeitschrift »Die Hochwacht« zu den zehn beliebtesten Heftreihen in Deutschland gehörte und in erster Linie von zehn- bis sechzehnjährigen männlichen Jugendlichen gelesen wurde. Sie war die umfangreichste und erfolgreichste deutsche Science-Fiction-Serie mit einem Dauerhelden vor »Perry Rhodan« und mehr noch (Zitat): »Vergleicht man den ›Luftpiraten‹ mit der Science Fiction, die zur selben Zeit in den USA populär war, z. B. mit Edgar Rice Burroughs’ Mars-Romanen, die seit 1912 im ›All Story‹-Magazin erschienen, so stellt die deutsche Serie in Bezug auf astronomisches Interesse, räumliche Expansion und technische Phantasie sogar eine rational avancierte Stufe der Science Fiction dar.« Trotzdem wird sie in den zeitgenössischen Publikationen kaum erwähnt – nicht einmal in den für entsprechend interessierte Knaben bestimmten Jahrbüchern wie dem »Neuen Universum« (was aber ganz normal ist: Das »Neue Universum« war eine voll kulturelle Angelegenheit, mit Heftromanen gab man sich dort nicht ab [igittigittigitt, ein Heftroman! Vorsicht – er könnte beißen und dich mit dem Lesewut-Virus infizieren!]). Die Anti-Schund-Bewegung ignorierte den »Luftpiraten«: Dort verlangte man nach Zitaten der blutrünstigen und »amoralischen« Art. Ersteres ist zwar auch im »Luftpiraten« zu finden, aber man muss schon danach suchen, und letzteres kommt bei Kapitän Mors nicht vor – er ist stets ein untadeliger Kavalier und hält bei seinen Leuten auf strenge Disziplin. Auch die Titelbilder sind vergleichsweise harmlos, und Kapitän Mors ist zwar ein Pirat, aber einer von der ganz edlen Sorte, den konnte man nicht so leicht in die Pfanne hauen. Als sich die Handlung dann auch noch in den Weltraum verlagerte, verloren Dr. Schultze & Co. wohl auch den letzten Rest von Interesse, denn bis zum Mond konnten selbst die abenteuerlustigsten Knaben dem heldenhaften Luftpiraten nicht nachlaufen.

Unglücklicherweise hatte damals auch niemand das Bedürfnis, »Schund« jeglicher Art zu archivieren. Sogar Dr. Schultze selbst hat das beklagt. Je erfolgreicher die Vernichtungsaktionen waren, desto schwieriger wurde es, zwecks vergleichender Forschung an die Primärquellen älteren Datums heranzukommen, und keiner hatte daran gedacht, rechtzeitig wenigstens die wichtigsten Daten zu notieren. Da auch die sonst häufigen Zitate in den Anti-Schund-Artikeln fehlen, haben wir es hier mit einer echten Zeitlücke zu tun. Darum lässt sich heute nicht mal mehr mit Gewissheit sagen, von wann bis wann die Serie überhaupt erschienen ist. Allgemein heißt es immer: von 1908 bis 1911. Aber das ist eine bloße Hochrechnung aus der Annahme, dass die Hefte durchgehend wöchentlich erschienen sind.

Das Startdatum 1908 wird unter anderem damit begründet, dass der Verlag Moderner Lektüre (unter diesem Label wird der »Luftpirat« auch in den Verbotslisten geführt) überhaupt erst in diesem Jahr gegründet wurde. Aber: Die ersten acht Bände enthalten überhaupt keine Verlagsangabe. Für die Bände 9 bis 65 zeichnet die »Druck- und Verlagsgesellschaft mbH, Berlin, SO 16« verantwortlich, mit Band 66 kommt erstmals der Name »M. Lehmann, Berlin, S 14« ins Spiel, und erst ab Band 88 läuft das Ganze unter »Verlag moderner Lektüre (M. Lehmann), Berlin«. Einiges lässt darauf schließen, dass die Romane nicht immer in der Reihenfolge gedruckt wurden, wie die Autoren sie geschrieben haben und dass möglicherweise Teile der Handlung weggelassen wurden (Autoren schreiben gerne Rückblicke auf ihre eigenen Geschichten, und wenn die dann in der Serie gar nicht vorkommen, fällt das auf). Manches deutet auch darauf hin, dass anfangs zwischen den einzelnen Bänden mehr Zeit vergangen ist als später.

Immerhin lässt sich nachweisen, dass die Serie im Jahre 1908 existiert hat. Ein fleißiger Schullehrer hat nämlich die Ergebnisse einer Sammelaktion dokumentiert und die eingesammelten Hefte genau aufgeführt. Dazu hat er dann einen Artikel verfasst, der laut Dr. Schultze am 11. Februar 1909 in der Zeitung »Tägliche Rundschau« erschien. Zu den einkassierten Heften gehörte der »Luftpirat« Nr. 29. Selbst wenn wir den damaligen Tageszeitungen schnelle Reaktionszeiten zubilligen, kann Heft 29 also unmöglich vor Anfang Februar 1909 erschienen sein. Wenn wir dann wochenweise zurückrechnen, müsste Heft 1 im Juli 1908 das Licht der Welt erblickt haben – spätestens. Es kann aber auch schon früher passiert sein.

Nicht nur der Anfang, auch das Ende der Serie ist von Rätseln umgeben. So heißt es immer wieder, der »Luftpirat« sei im Jahre 1911 wegen des Ersten Weltkriegs eingestellt worden. Der begann aber erst im Sommer 1914. Verboten wurde die Serie (von der militärischen Zensur) gemeinsam mit vielen anderen Heftreihen am 01.06.1916 – übrigens nicht wegen des Inhalts, sondern wegen des kriegsbedingten Papiermangels. Um das Durcheinander komplett zu machen, fehlt jeder Hinweis auf die Erscheinungsweise – mit einer eng befristeten Ausnahme: Auf den Rückseiten der Hefte 98 bis 128 steht »erscheint wöchentlich«. Woraus man aber bitte nicht den Schluss ziehen sollte, dass nun auch die restlichen Hefte der Serie wöchentlich herausgekommen sind.

1916 wurden die Restbestände der Heft-Verlage dann auch noch zwangsweise eingestampft. Nur wenige Hefte haben das alles überlebt. Speziell der »Luftpirat« gelangte kaum noch in den Handel. Denn wer die Serie liebte, behielt sie, wer sie behielt, las sie, und wer sie las, verbrauchte sie: Gedruckt auf schlechtem, dünnem Papier schwand und bröckelte sie dahin. Mein Mann kannte einen alten Sammler, Jahrgang 1900, der schon 1919 nur noch ca. 50 Hefte auftreiben konnte – und das in Berlin, also direkt am Verlagsort. In dem Buch »Das Erbe Wolgasts« von Wilhelm Fronemann aus dem Jahre 1927 gibt es eine Liste der zu dieser Zeit unter den Schulkindern verbreiteten »Schundhefte« – der »Luftpirat« ist darin nicht mehr enthalten. Offensichtlich war die Serie nach der rabiaten Ausrottungsaktion im Ersten Weltkrieg wirklich weg vom Fenster. Andererseits genoss die Serie offensichtlich große Popularität. In vielen Serien und Reihen aus der Vorkriegszeit finden sich Hefte, in denen Kapitän Mors und sein Luftschiff in kleinen Gastrollen auftauchen oder zumindest genannt werden. Willy Ley schwärmte in seinen Lebenserinnerungen in den 50er Jahren vom »deutschen Captain Future«, bezweifelte aber schon damals, dass es irgendwo noch eine vollständige Serie davon gäbe. Selbst noch im Jahre 1964 benutzte ein deutscher Literaturkritiker den Begriff »Kapitän Mors, der Luftpirat« in einem Artikel über moderne SF.

(Fortsetzung folgt)

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