Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (II)

Höchste Zeit also, die Sache mal wieder zu beleben: der Nachdruck läuft, siehe www.villa-galactica.de. Dort gibt es Trailer und Bildchen zu jedem einzelnen Heft und auch sonst manch interessante Information.

Die uns vorliegenden »Luftpiraten« wurden im Verlauf von gut 35 Jahren von meinem Mann, dem Sammler Heinz-Jürgen Ehrig, zusammengetragen. Die Serie ist fast komplett, nur zwei Hefte fehlen: Nr. 108 und 111, und in Heft Nr. 110 fehlen die Seiten 29 und 30 (und dann sind da noch Band 107, 112 und 126, die uns nur als Fotokopien vorliegen – das ginge auch schöner mit Original-Scans). Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass sich auch diese Lücken noch schließen lassen. Ein Teil der Hefte stammt übrigens von dem oben erwähnten alten Sammler. Der bot eines Tages in einem Inserat allerlei Vorkriegshefte an. Mein Mann fuhr hin und kaufte und stand dann in einem Zwischenstadium von ehrfürchtigem Staunen und hängender Zunge vor dem Stapel »Luftpiraten«. Von denen mochte der alte Herr sich aber nicht trennen – er wollte sie bis zuletzt um sich behalten. So schrieb mein Mann ihm Jahr für Jahr zwei Briefe, zu Weihnachten und zum Geburtstag. Eines Tages kam dann ein Brief zurück, von der Witwe …

Der Luftpirat – Kapitän Mors

Er ist der Mann mit der Maske, dessen wirklichen Namen niemand kennt. Er ist in Amerika geboren, seine Eltern waren Deutsche – so steht’s in Band 1. Und dies ist seine Vorgeschichte: Als genialer Ingenieur arbeitete er für Leute, die ihn für ihre kriminellen Zwecke einspannen wollten. Er widersetzte sich standhaft. Die Rechte der Menschen, ihr Wohlergehen, lagen ihm zu sehr am Herzen. Eines Tages fand er dann statt seines Zuhauses nur noch eine rauchende Ruine vor, seine Frau und seine zwei Kinder hatte man bestialisch abgeschlachtet. Um ihn endgültig mattzusetzen und um zu verhindern, dass er die internationalen Rädelsführer verriet, stellte man ihn als Massenmörder hin und sorgte dafür, dass er sich nirgends auf der Welt mehr sicher fühlen konnte. Er ist ein Verfemter, ein Verfolgter, vogelfrei.

Kapitän Mors gibt sich ein neues Lebensziel: er will nicht nur Rache an denen üben, die ihm so übel mitgespielt haben, sondern er will sie und ihresgleichen bekämpfen und das Leid, das sie verursachen, so gut wie möglich lindern. Wie ein fliegender Robin Hood nimmt er von den Reichen und gibt es den Armen. Zu seinen Feinden zählt er nicht bestimmte Völker, Staaten oder gar Rassen, sondern die in allen Gesellschaften anzutreffenden Spekulanten und Ausbeuter, die den Hals nie vollkriegen, wenn es um Geld und Gold geht. Ohne Rücksicht auf Verluste erschließen und plündern sie rund um den Globus wertvolle Bodenschätze, machen ihre Geschäfte auf dem Rücken derer, die unter jämmerlichsten Lebensumständen den ganzen Reichtum erarbeiten müssen. Unersättlich rauben sie, intrigieren sie, stürzen sie ganze Staaten ins Elend, provozieren Kriege und Krisen, sind immer auf der Seite der Gewinner und kümmern sich den Teufel was um Ehre, Gesetze und Menschenrechte. Mit seinem lenkbaren Luftschiff kann Kapitän Mors sich lange Zeit schwebend über den Wolken versteckt halten, während seine Kundschafter sich nach Neuigkeiten umhören. So hat er seine Augen und Ohren überall, immer den Finger am Puls der internationalen Finanzströme, die zu dieser Zeit noch ganz konkret als Gold und Geld über die Meere geschippert werden. Aber ob das nun in kleinen Goldtönnchen passiert oder in Form virtueller Aktien und bloßer Daten: Die Mentalität derer, die hinter den Geschäften stecken, war von der unserer heutigen Spekulanten nicht weit entfernt: »Was fragten sie danach, wenn durch gewissenlose Spekulationen Hunderte, ja Tausende zugrunde gingen. Geld mussten sie haben, Geld, Millionen, das war ihre Losung!« (Man sieht: diese Serie ist eigentlich schon wieder hochaktuell.)

Kapitän Mors ist ein hochgebildeter Mann, der alle gängigen Verkehrssprachen fließend beherrscht. Er ist groß, schlank und durchtrainiert, trägt meistens einen blauen Kapitänsanzug mit dazu passender Kapitänsmütze. Eine schwarze Halbmaske schützt ihn vor Leuten, die den gesuchten Verbrecher in ihm erkennen könnten. Er trägt diese Maske aber auch an Bord des Luftschiffs, wo er eigentlich nichts zu fürchten hat. Die Maske ist Teil seiner Persönlichkeit und seiner Weltanschauung. Den Namen »Mors« (lat. »Tod«) hat er sich gegeben, weil er aus seiner Sicht vor der Öffentlichkeit und für die Welt bereits tot ist – ein Mann ohne Gesicht, ohne Vergangenheit. Seine überlegenen Waffen, darunter ein kleiner Revolver, dessen Elektrogeschosse jeden Gegner in Stücke reißen, setzt er nur im äußersten Notfall ein. Er kämpft immer in vorderster Linie. Wenn es um Dinge geht, an die er glaubt, setzt er sein Leben bedenkenlos aufs Spiel.

Vorbild für die Figur Kapitän Mors’ war für die Autoren ohne jeden Zweifel der Kapitän Nemo des Jules Verne (mit einem kräftigen Schuss Robin Hood und einem Spritzer Graf von Monte Christo), aber als Vorbild für den Luftschiffer Mors diente wohl der in der Serie mehrmals (auch als »der geniale Erfinder«) erwähnte Alberto Santos-Dumont (1873–1932).