Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (IV)

Das Weltenfahrzeug des Kapitän Mors – der »Meteor«

Bei den Auckland-Inseln ist Kapitän Mors auf ein ungeheuer stark magnetisiertes Metall gestoßen. Daraus hat er eine Art Spinnaker bauen lassen, der mit starken Ketten (verstellbar) mit dem Schiffsrumpf verbunden ist. Der Gegenpart dazu ist eine Scheibe an der Unterseite des Schiffs, bestehend aus einem geheimnisvollen Mineral, das die Schwerkraft aufhebt.(Im Text ist das Ganze etwas anders dargestellt – die Kommunikation zwischen Autoren und Zeichnern ist immer eine schwierige Sache. Jedenfalls ist das Weltenfahrzeug auf dem Bild gewissermaßen im Rückwärtsflug abgebildet. Was rechts wie ein rückwärtiger Düsenantrieb aussieht, soll in Wirklichkeit der Scheinwerfer am Bug sein.)

Damit folgen die Autoren recht konsequent dem Grundprinzip der Luftfahrt: die Anti-Schwerkraft-Scheibe erfüllt dieselbe Aufgabe wie die mit Gas gefüllten Ballonetts, die ein Luftschiff schweben lassen. An die Stelle der Motoren und Propeller tritt der Magnet, der das nunmehr schwerelose Schiff von einem Himmelskörper (z. B. der Erde) abstößt bzw. zu ihm hinzieht (je nachdem, wie man den Magneten stellt und dreht). Alles ganz einfach (genau wie der Arkonstahl und der Hypersprung …). Die Schwerkraft-Aufhebung ist so geschickt austariert, dass man an Bord des »Meteor« von der rasanten Beschleunigung des Weltenfahrzeugs überhaupt nichts spürt. Zum Atmen hat man flüssige Luft an Bord, die Fenster bestehen aus extra starkem Glas und sind mit Gittern und verschiebbaren Metallblenden gesichert. Da der »Meteor« rundum mit einer hauchdünnen Schicht aus Platin überzogen ist, glänzt er silbrig-weiß (also nicht braun wie auf dem Bild. Aber Platinweiß ist eine schwierige Farbe, und die »flamingofarbene« SOL bei Perry Rhodan kam auf den Titelbildern ja auch stets in Grün daher – eine hübsche Parallele.)

Eine der damals gängigen Theorien lautete, dass es zwischen den Himmelskörpern eine Zone gibt, in der sich die Schwerefelder gegenseitig aufheben, und dass es ohne Schwerkraft auch keine Bewegung geben kann – weder mit Magneten noch mit Raketen, weil es nichts gibt, von dem man sich in der einen oder anderen Form abstoßen kann. Wenn man (so die damalige Theorie) in diese Zone hineingerät, sitzt man dort fest, für alle Zeiten. Das passiert auch dem »Luftpiraten« und seinen Leuten einige Male, aber Kapitän Mors versteht genug von der Himmelsmechanik und dem Dreikörperproblem, um sein Weltenschiff immer wieder zu befreien.

(Diese »Librationszonen« finden wir in alten SF-Romanen des öfteren. Später kamen diese Orte, an denen nichts mehr geht, in der gängigen SF völlig aus der Mode. Inzwischen sind sie jedoch schier unentbehrlich. Man nennt sie nach dem Mathematiker Joseph-Louis de Lagrange, der das Ganze schon im 18. Jahrhundert berechnet hat, »Lagrange-Punkte«. Der Sonnenbeobachtungssatellit SOHO befindet sich z. B. an einem solchen Punkt. Seine Umlaufzeit um die Sonne ist daher genauso groß wie die der Erde, und der Satellit hat eine in Bezug auf die Erde stabile Position, die er ohne zusätzlichen Energieaufwand halten kann. – In Band 46 heißt es, Kapitän Mors habe den »Meteor« inzwischen mit einem zusätzlichen Raketenantrieb versehen, so dass er die »tote Zone« nicht mehr zu fürchten braucht. Band 46 spielt 1908. Raketen im Weltraum im Jahre 1908? Als »Wessi« dachte ich an Hermann Oberth – 1923. Aber siehe da: Schon anno 1903 wurden die theoretischen Grundlagen für einen weltraumtauglichen Raketenantrieb (und noch einiges mehr) von dem Russen Konstantin Ziolkowski geschaffen. – Was mich ein bisschen an den berühmten Mr. Chekov aus »Star Trek« erinnert. Der sagt bekanntlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit: »Das ist eine russische Erfindung!« mit heftig rollendem »R« – und hatte möglicherweise öfter recht, als man denkt. – Siehe auch: »Wie sie arbeiteten« – Recherchen für den Luftpiraten sind ein Vergnügen ganz besonderer Art.)

Die große Frage: Wer die Autoren wohl waren?

Völlige Unsicherheit herrscht in Bezug auf die Frage, wer die Serie geschrieben hat. Ein einzelner Autor war es mit Sicherheit nicht, das verraten die zahlreichen kleinen Widersprüche in den Texten. So besteht die Maske des Luftpiraten bei dem einen aus schwarzem Sammet, beim anderen aus schwarzer Seide und bei wieder anderen ist sie einfach nur schwarz. Große Vielfalt finden wir in der Frage, wie das mit dem Ein- und Ausstieg beim lenkbaren Luftschiff geregelt ist. Wenn man sich die Bilder ansieht, kommt man nicht unbedingt auf die Idee, dass es ratsam ist, das gute Stück einfach auf dem Boden zu landen. Trotzdem wird es oft so dargestellt (in Band 53 steht endlich mal die Lösung: »Das Steuer wurde soeben hochgehoben.«). Normalerweise schwebt das Luftschiff über dem Boden. Bei dem einen Autor rutschen die Leute dann an einem Strick hinunter – was sie bestimmt nicht allzu oft machen würden (wie Ringelnatz es so schön sagte: »Kein Mädchen, nicht einmal die Braut, sieht gerne Hände ohne Haut«). Die komfortablere Lösung ist ein Brett am Ende eines Seiles, das rauf und runtergelassen wird. Ein anderer Autor gönnt den rund dreißig Leuten zuzüglich Passagieren gerade mal eine einzelne Strickleiter, und gelegentlich legt man einem Passagier auch einfach nur einen Gurt um den Bauch und zieht ihn wie eine Kuh an Bord. Das sind nur einige der Variationen. Ich glaube nicht, dass all das auf dem Mist nur eines einzelnen Autors gewachsen ist.

Andere hübsche Hinweise sind sprachliche Eigentümlichkeiten. Es gab zumindest einen Autor, der erheblich älter war als die anderen – er verirrt sich noch oft zur »Thüre« und anderen alten Schreibweisen. Einer schreibt so spannend, dass ich seine Romane nicht aus der Hand legen kann. Einer hat einen bitterbösen, geradezu kabarettistischen Humor. Ein Autor lässt Kapitän Mors heftig mit sich kämpfen, ehe er widerwillig dem Versuch der Bestechung eines Gauners zustimmt, während die anderen damit überhaupt kein Problem haben. Und mindestens zwei der Autoren – auch das sei vermerkt – haben rassistische und/oder politische Vorurteile, während das bei den anderen niemals ein Thema ist. Angesichts dieser Vielfalt steht zu befürchten, dass wir niemals mit letzter Sicherheit bestimmen können, welcher Autor welchen »Luftpiraten« geschrieben hat.

Ich persönlich neigte früher zu der Ansicht, dass sich mit Beginn der Weltraumhandlung ein Zweierteam herausgebildet hätte (bei Bedarf durch Gelegenheitsschreiber aufgefüllt, aber eben doch ein Team). Es ist ja immerhin auffällig, dass für eine ganze Weile jeder zweite Band auf der Erde bzw. im Weltraum spielt. Da liegt der Gedanke nahe, dass der eine Autor sich auf die Sache mit dem Weltraum konzentrierte, während der andere mehr auf Bodenständiges setzte. Aber mit Band 35 (Erd-Handlung) erweist sich auch diese Vermutung als unsinnig, denn der Autor dieses Bandes hat ganz gewiss den Inhalt von Band 33 (auch Erd-Handlung) nicht gekannt. In beiden Bänden fliegt der Luftpirat nach Korea. In Band 33 geht es gegen die Amerikaner, die einen ganzen Gebirgsstock (das »Geistergebirge«) bei den Russen gepachtet haben, in Band 35 gegen die Japaner (was historisch richtiger und glaubwürdiger ist). Ein zweiter Anhaltspunkt für die wenigstens anonyme Zuordnung der Romane zu Autor Numero Uno, Due, Tre … (womit ich ausdrücklich nicht gesagt haben möchte, dass es drei Autoren waren!) schien sich durch die Handlungsorte auf der Erde anzubieten. Da gibt’s den einen, der den Luftpiraten jedes Mal nach Australien hetzt, den zweiten, der südamerikanische Schauplätze bevorzugt, dann einen Asien-Spezialisten und so weiter. In Band 33 und 35 aber bewegen sich zwei Autoren auf Gegenkurs in ein und derselben Gegend.

Eines ist sicher: die Kommunikation im Falle »Luftpirat« war miserabel – nicht nur zwischen Autoren und Zeichnern, sondern auch zwischen den Autoren und dem Verlag und den Autoren untereinander. Es scheint, dass die Autoren vom Verlag kaum etwas davon erfuhren, an welchen Themen und Handlungsplätzen ihre Kollegen gerade herumbosselten. Stattdessen scheint es, als hätte der Verlag seinen Autoren nur einen allgemeinen Leitfaden zukommen lassen, der hier und da aktualisiert wurde (Beispiel: die geheime Insel oder die Funktionsweise des Weltenfahrzeugs).

Wenn man selbst in einem Autorenteam gearbeitet hat, fallen einem innerhalb der Serie zwangsläufig auch noch andere Indizien auf. So hat jeder Autor seine Lieblingsfiguren. Die Begleiter, die Kapitän Mors sich für seine Abenteuer wählt, werden höchst unterschiedlich eingesetzt. Mal nimmt er Star mit, mal baut er lieber auf Terror, gelegentlich wird er allein von dem Inder Lindo begleitet. Daneben gibt es Romane, in denen diese drei kaum erwähnt werden, der Luftpirat dafür aber Leute favorisiert, die vorher niemals vorkamen. Nach meiner persönlichen Erfahrung nehme ich an, dass diese Hefte von Autoren geschrieben wurden, die mit der Serie wenig vertraut waren. Darum sind sie auf eigene Nebenfiguren ausgewichen – teils aus Unsicherheit, teils auch, um Widersprüche zu vermeiden.