Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (VI)

Starke Frauen

Besonderen Vorrang haben bei Kapitän Mors Frauen und junge Mädchen. Sie rettet er unter allen Umständen und gewinnt damit ihre Herzen. Selbst die Schwester seines Todfeindes kann sich seinem Charme nicht entziehen. Aber kaum hat man sich an die netten, schweigsamen Inderinnen gewöhnt, die halb verschmachtete Gäste gesund pflegen und auch sonst nützliche »weibliche« Tätigkeiten verrichten, und an die armen vom Schicksal gebeutelten Mädchen, die Kapitän Mors aus tiefster Not befreit, da tauchen zwei wirklich starke Frauen auf, die den Männern durchaus Paroli bieten können und dies auch prompt tun – ungewöhnlich für diese Zeit und in der Science Fiction sowieso: Anita Long und ihre kleine Schwester, Lucy, die sich beide für ihr Alter nicht nur in technischen Dingen sehr gut auskennen, sondern auch durch ihr bestimmtes und selbstsicheres Auftreten zu beeindrucken wissen. Vor allem Lucy mit ihren sechzehn Lenzen könnte sich in jeder Mädchen-Gang sehen lassen. Und Anita – nun, unser Kapitän Mors ist in vollkommener Trauer und posthumer Treue gegenüber seiner ermordeten Frau erstarrt, sein Herz erstorben, seine Libido im Kaukasus begraben, aber manchmal hat man den Eindruck, dass das selbst manchem Autor leid tut. Was für eine Verschwendung, denkt er sich dann wohl, die beiden sind doch wie für einander geschaffen

Der Weltraum …

Auch wenn es manchmal so scheinen mag: Die Autoren des »Luftpiraten« schrieben ihre Geschichten keineswegs ohne Rücksicht auf das, was die Wissenschaft mittlerweile festgestellt hatte. Das hätten sie sich auch gar nicht erlauben können, denn ihre Leser waren keineswegs uninformiert.

Es gab eine schier unglaublich große Zahl an Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Und es gab Buchclubs und Vereine, in denen man sich auf bestimmte Themen konzentrierte. Schon 1888 wurde die Berliner Urania-Gesellschaft gegründet – einzig und allein zu dem Zweck, jedem interessierten Laien den Zugang zu allen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu öffnen. Die Urania, die Kosmos-Gesellschaft und andere, ähnliche Organisationen waren keine elitären Einrichtungen. Sie begrüßten es ausdrücklich, wenn Arbeiter, Frauen und Schüler sich an allen nur denkbaren Beobachtungen, Exkursionen und Untersuchungen beteiligten. Sternwanderungen unter fachkundiger Führung z. B. erfreuten sich allseits großer Beliebtheit. Astronomie war das Hobby vieler junger Menschen, und die große Frage: »Ist da draußen jemand?« beschäftigte die Menschen auch damals schon. In dem Band »Die Bewohnbarkeit der Welten« (Bücher des Wissens, herausgegeben von der Vereinigung »Die Wissenschaft für Alle«, Hermann Hillger Verlag, 1909) beginnt der Autor Leo Brenner seine Ausführungen folgendermaßen:

»Unter allen Fragen naturwissenschaftlicher Art, welche dem Fachmann am häufigsten gestellt werden, ist diejenige nach dem Bewohntsein anderer Welten die häufigste. Es scheint demnach, dass der Mensch in seinem Wissensdrang (andere nennen es prosaischer ›Neugier‹) am liebsten wissen möchte, ob auch auf anderen Himmelskörpern seinesgleichen vorhanden sind. Und da kann man zwei sich vollständig gegenüberstehende Ansichten wahrnehmen: die einen ( …) treten entschieden dafür ein, dass nichts in der Natur unbelebt sein kann ( …); die anderen wieder, die Pessimisten oder Realisten oder im menschlichen Eigendünkel Befangenen, betrachten die Erde als den einzig und allein bewohnten Himmelskörper, wobei sie soweit gehen, sich einzubilden, dass wegen dieses winzigen Sandkorns im Weltall dieses selbst erschaffen worden sei! Beide Ansichten bilden die Extreme, und das Richtige dürfte wohl in der Mitte liegen, indem wir nämlich Grund haben anzunehmen, dass zwar nicht alle Himmelskörper von lebenden Wesen bewohnt sein können, dass jedoch ihrer mehrere derart beschaffen sind, dass auf ihnen lebende Wesen, wie wir sie kennen, ganz gut existieren können.«

Dass man damals dem Mars und der Venus ohne viel Federlesens Leben zubilligte, mag nicht sonderlich überraschen, aber ein Kleinplanet von der Größe Irlands, von einer dichten Atmosphäre umgeben, mit Urwäldern bedeckt und von Ungeheuern bewohnt? Nun, so seltsam es auch scheinen mag: Früher sah man das viel lockerer. Und damit befand man sich (und das ist aus heutiger Sicht noch viel erstaunlicher) in vollkommenem Einklang sowohl mit einem Teil der Wissenschaftler als auch mit der Kirche.

Es war ja noch gar nicht so lange her, da glaubten die Menschen, die Erde sei flach wie ein Pfannkuchen. Aber dann kam es knüppeldick: Die Erde ist rund, sie steht keineswegs im Mittelpunkt des Universums und die Planeten und die Sonne denken nicht im Traum daran, sich um die Menschenwelt herumzubewegen: Die Welt geriet aus den Fugen. Dank der Fortschritte in der Drucktechnik konnten sich diese Neuigkeiten in Windeseile verbreiten. Vorbei waren die glücklichen Zeiten, als nur Gelehrte und fromme Mönche all diesen neumodischen Ketzerkram zu lesen vermochten und die Kirche die allerschlimmsten Texte in ihre Kellergewölbe verbannen konnte. Jetzt landete das Zeug mehr oder weniger ungefiltert in jedem normalen Haushalt und stieß dort – oje, oje – auf lebhaftes Interesse. Was Wunder: Der Mensch hat schon immer gerne in die Sterne geschaut. Er hat dort Götter gesehen, Dämonen, die Lagerfeuer der Verstorbenen. Jetzt aber lieferten die Wissenschaftler harte Fakten, und bei der nächstbesten Mondfinsternis konnte jeder das Wandern des Erdschattens beobachten. Es war ein Schattenspiel, das jeder zu Hause mit einer Laterne, der erhobenen Faust und einer weißen Wand nachvollziehen konnte.

Einigen Theologen wurde angst und bange. Sie hatten die Lufthoheit, der Himmel gehörte ihnen. Sollten sie ihn kampflos an die Skeptiker und Ketzer verlieren? Hatte Gott nicht mit Sicherheit mehr auf dem Kasten, als die nüchternen Wissenschaftler ihm zugestehen mochten? In der Wissenschaft musste alles bewiesen werden. In der Religion dagegen reichte der Glaube. War es da nicht viel leichter, Gott die fantastischsten Taten zuzutrauen und einfach zu glauben, dass da draußen Leben war? Überall? Warum sollte man diesen verflixten Darwin und seine Spießgenossen nicht einfach links überholen? Und so setzte sich z. B. Dr. Joseph Pohle, Professor der Theologie am Priesterseminar in Leeds, im Jahre 1884 hin und schrieb:

»Wenngleich das Problem von der Mehrheit bewohnter Welten an und für sich so wenig das Gesicht einer Streitfrage trägt, dass man sich kaum eine harmlosere, zur religiösen Polemik ungeeignetere Frage denken kann, so hat es der Materialismus und Darwinismus der Gegenwart dennoch verstanden, selbst eine so unschuldige Frage mit seinem atheistischen Pesthauche zu entweihen und seine monistischen Baupläne, Abstammungs-Bäume, Urzeugungs-Tiegel etc. von dieser Erde weg auch in die entferntesten Himmelsräume zu übertragen. Auf den Sternen versuchen sie dasselbe gottlose Spiel zu treiben, wie auf der kleinen Welt der Erde.« – »Trotz einiger Gegengründe«, so fährt unser Dr. Pohle in seinen Überlegungen über das Leben im All fort, »darf die Anwesenheit von lebenden Wesen auf den Himmelskörpern eine so große Wahrscheinlichkeit beanspruchen, dass wir auch ohne tiefergehende Detailuntersuchungen auf ihr Dasein von vornherein rechnen dürfen, vorausgesetzt freilich, dass wir die kurze Zeitspanne des Erdenlebens nicht für die einzig mögliche Periode des Lebens im Weltall überhaupt ausgeben.«

Und das ist (geschrieben im Jahre 1884 von einem Theologen!) ein wirklich bemerkenswerter Satz! Aber es kommt noch besser. Auf den spitzfindigen wissenschaftlichen Einwand, dass alle Fixsterne Sonnen sind und es auf Sonnen kein Leben geben kann, erwidert Dr. Pohle ganz gelassen und souverän:

»Gut, die Fixsterne sind wirkliche Sonnen. Nun, dann werden sie wohl auch, wie unsere eigene Sonne, ein bewohnbares und bewohntes Planetengefolge um sich kreisen lassen. ( …) Wer könnte sich noch lange sträuben, anzuerkennen, dass es eine der natürlichsten und unwiderstehlichsten Vorstellungen ist, wonach Myriaden und Millionen Sonnen im Weltall, nicht anders als unser eigener Fixstern, ebenso viele Anziehungs-, Licht- und Wärmemittelpunkte für entsprechende Planetenreigen bilden?« Über die Planetoiden schreibt er: »Über den physischen Zustand dieser Weltkörper wissen wir leider zu wenig, als dass sich die Frage nach ihrer Bewohnbarkeit schon jetzt auch nur mit annähernder Sicherheit beantworten ließe. Ihre Masse ist so gering und ihr scheinbarer Durchmesser so verschwindend klein, dass sie dem Fernrohre nur wie Fixsterne zwischen der siebenten bis fünfzehnten Größenklasse erscheinen. Wir sind darum zumeist auf fotometrische Massenabschätzungen angewiesen. Die größte Masse besitzt die von Olbers 1807 entdeckte Vesta. ( …) H. J. Vogel untersuchte auch das Spektrum der Vesta und fand auffallenderweise darin einen Absorptionsstreifen, der auf eine Atmosphäre dieses Planetoiden hinzudeuten schien. Es wird darum kaum voreilig geurteilt sein, wenn wir die Bewohnbarkeit desselben durch eigens angepasste Geschöpfe aussprechen.«

Und weiter schrammen wir auf der linken Spur an der gotteslästerlichen Wissenschaft vorbei: »Es hieße der göttlichen Allmacht ungebührliche Schranken ziehen, wenn man hartnäckig behaupten wollte, nur die fünf Sinne des Menschen seien die einzigen Verkehrswege, vermittels deren unsere empfindende und erkennende Seele sich mit der stofflichen Außenwelt in Verbindung zu setzen vermöge. (…) So nimmt das Auge den elektrischen Strom nur in der Form von Licht, das Ohr in Gestalt von Knistern« (Anmerkung: wir schreiben das Jahr 1884 – bis zum Netzbrummen war man damals noch nicht vorgedrungen!), »das Gefühl als elektrischen Schlag, die Zunge als etwas sauer Schmeckendes, die Nase endlich als Ozongeruch wahr. Soll die sinnliche Erkennbarkeit des elektrischen Fluidums indessen mit diesen fünf Erkenntnisweisen völlig erschöpft ein? Es wäre unphilosophisch, dieses behaupten zu wollen.«

Vor diesem Hintergrund gingen die »Luftpiraten«-Autoren auf Abenteuer aus und genossen dabei beneidenswert viel Freiheit. Wenn ich nur an den Mars denke – das waren noch Zeiten! Hell leuchtend, noch nicht von hochauflösenden Kameras entzaubert, stand er am Himmel, der menschlichen Fantasie hingebreitet, die seither so viel auf ihn heruntergedacht hat, dass ein einzelner Planet all die Zauberwelten unmöglich auf seiner Oberfläche unterbringen könnte. Was haben wir heute? Daten … In der »Magnum«-Folge »Ein echter Klassiker« gibt es einen Spruch, der auf diese Situation passt: »Oft ist es besser, sich die Dinge nicht so genau anzusehen – das verdirbt den Eindruck, den man gerne hätte.«