Marianne Sydow-Ehrig: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff (VII)

Die Zeichner

Bei den Titelbildern haben wir es mit demselben Dilemma zu tun wie bei den Autoren: Wir wissen nicht, wer sie zeichnete. Nur eines steht auch hier fest: Es waren mehrere. Es sind zwar nur ganz selten Signaturen zu erkennen, aber es gibt sie. Aber ob mit oder ohne Signaturen: Auch wenn die Titelbilder der Serie auf den ersten Blick sehr homogen wirken, so lassen sich doch bei genauerem Hinsehen ziemlich viele Unterschiede ausmachen. Da ist zum Beispiel die Darstellung des Luftschiffs. Vor allem die unter dem Schiff verlaufenden Anbauten sind zu unterschiedlich gestaltet, als dass sie von nur einem einzelnen Zeichner stammen könnten. Die Darstellung auf dem Cover von Nr. 1 ist räumlich und dynamisch, alles steht im richtigen Größenverhältnis zueinander, bei Band 6 dagegen haben wir ein plumpes Etwas vor uns, bei dem rein gar nichts stimmt, und bei Band 11 fehlt der Sporn am Vorderteil des Luftschiffs – da sieht »der Lenkbare« dann wirklich aus, wie eine noch nicht angerauchte Zigarre. Ähnlich ist es bei den Figuren: Auf einigen Bildern tragen die Inder Kniehosen, auf anderen wallende Gewänder. Selbst der Kapitänsanzug des Luftpiraten, sozusagen eine sich selbst definierende Angelegenheit, weist Unterschiede auf. Der »Staubmantel« ähnelt manchmal eher einem Umhang á la Superman und ist von unterschiedlicher Länge. Einer der Zeichner geht sehr detailliert zu Werke, zeichnet Sterne und Stromleitungen in den Himmel und eine Vielzahl von Einzelheiten in eine Szene hinein. Bei anderen geht es gröber und einfacher zu. Ein Zeichner (z. B. Band 12 und 51) fällt durch weiche Farbgebungen und glatte, großflächige Formen auf.

Die Sache mit der Henne und dem Ei – und dem Ei und der Henne

»Hu, wie sie mich anglotzen!«, lässt der Autor die mordsüchtige Witwe Siva in Band 36 sagen und meint damit die beiden Skelette, die dank ewig wirbelnder Winde samt ihrem Ballon in den himmlischen Weiten der Tropopause hängen geblieben sind. Der Ingenieur Terror wundert sich zu Recht darüber, wie die tapferen Aeronauten hoch in der Luft, wo es keinerlei Verwesung gibt, überhaupt zu Skeletten werden konnten. Prompt tauchen ein paar luftblasenähnliche Wesen auf. Hoffnungsvoll nuckeln sie an den leider schon völlig kahl genagten Skeletten herum.

Man wusste bereits, dass es trotz des mörderischen Drucks Leben in der Tiefsee gab. Warum sollte also nicht auch Leben in den höheren Luftschichten existieren? Es war eine durchaus naheliegende, aber dennoch mutige Idee, dass Wasser und Luft gleichermaßen Schichten der Atmosphäre sein könnten, die sich nur in ihrer Dichte voneinander unterscheiden. Kein Geringerer als der legendäre Arthur Conan Doyle griff dieses Thema in einer seiner Geschichten auf: »Die Dschungel des Himmels« (»The Horror of the Heights«, zu finden z. B. in »Bibliothek der Science Fiction Literatur« Nr. 100, »Wege zur Science Fiction, 11. Band – von Shelley bis Clarke«, Heyne 2000).

Arthur Conan Doyles Geschichte stammt aus dem Jahre 1913, wurde also mit großer Wahrscheinlichkeit erst nach Band 36 des »Luftpiraten« geschrieben. Conan Doyle hatte gute Verbindungen nach Deutschland und Österreich, wollte sogar in Wien Augenmedizin studieren und war eng befreundet mit dem deutschen Autor Abel-Musgrave. Es ist also durchaus nicht unwahrscheinlich, dass er den »Luftpiraten« gekannt hat. Da der normale Brite sich nur höchst selten mit deutscher Schundliteratur abgab, waren kleine Anleihen im Allgemeinen völlig ungefährlich und fielen niemandem auf.

Aber vielleicht gibt es eine noch ältere Geschichte, auf die alle beide Autoren zurückgegriffen haben.

Dasselbe Dilemma habe ich mit Band 52, der ersten Geschichte, die auf dem Mars handelt. Zum Gruseln schön wird hier der Flug über die Marsoberfläche beschrieben, über diese uralte, verwitterte, sterbende Welt voller Ruinen im unheimlichen Licht – ich fühle mich zurückversetzt zu Ray Bradbury und Leigh Brackett, die sich von Edgar Rice Burroughs haben inspirieren lassen. Burroughs hat seine erste Mars-Geschichte aber erst 1912 geschrieben.

Welche Geschichte ist hier die Henne und welche das Ei? Nur eines von vielen Rätseln, die uns diese alte Serie aufgibt. Wer Rätsel mag und gerne Detektiv spielt, findet hier reichlich Material. Und das Schöne daran: Niemand hat sich vor uns jemals mit diesen Fragen beschäftigt! Es ist ja alles nur Schund, nicht wahr?