Anderzeiten, ein Urteil. Und wahr

Marianne Labisch war so nett, das Buch zu besprechen:

Helmuth W. Mommers
ANDERZEITEN
Erzählungen
AndroSF 77, p.machinery, Murnau am Staffelsee, Juli 2018, Hardcover, 580 Seiten, ISBN: 978 3 95765 125 9

Bei diesem Buch handelt es sich um ein Hardcover, das sich in einem sehr ansprechenden Cover präsentiert. Lothar Bauer hat es gestaltet.
Der Autor hält zuerst ein Plädoyer für die Kurzgeschichte, in dem er die Meinung kundtut, dass Science-Fiction aus einer Idee besteht, die am besten in einer Kurzgeschichte untergebracht werden sollte.
Jede seiner Erzählungen leitet der Autor mit einer kurzen Erklärung zur Inspiration ein.
Mir persönlich gefielen diese knappen Hintergrundinformationen sehr gut. Sie lassen den Leser ahnen, mit was für einem Menschen er es hier zu tun hat.

Die Storys:

Immer wieder Sonntag: Eine Gruppe Zeitreisender taucht bei Gloria und Bernhard auf. Die Besucher gehen davon aus, von den besuchten Personen nicht wahrgenommen zu werden. Das stimmt allerdings nicht. Gloria und Bernhard können sehr wohl hören, wie die Reiseleiterin ihre Gruppe ermahnt, nur nichts in der Vergangenheit zurückzulassen. Dabei verweist sie auf den Flügelschlag des Schmetterlings, der alles verändern kann. Ein Kind vergisst dennoch eine Puppe, die Gloria und Bernhard zu wahrem Reichtum verhelfen könnte, wenn die beiden nicht plötzlich in einer Zeitschleife hängen würden.
Ein Programm zum Verlieben: Michael, ein Student, erfährt von seinen Freunden von einem Programm, das ihm eine persönliche Sekretärin, ganz nach seinen Vorlieben, generiert. Völlig kostenlos. Stupsnase, blonde Locken, weibliche Formen ergeben seine Angela. Die beiden kommen sich schnell näher. Für seine künstliche Traumfrau lässt er Studium und Freunde links liegen.
Incommunicado: Eine ganze Familie wird mir nichts, dir nichts von Außerirdischen verschleppt und findet sich auf einem fernen Planeten wir Laborratten wieder. Sie werden mit Essen und Wasser versorgt, müssen aber ansonsten auf jeden Luxus verzichten und bekommen ihre Entführer nicht zu Gesicht. Erst als die Mutter depressiv wird, finden Berührungen statt, die beruhigend wirken, obwohl die Menschen, die Wesen immer noch nicht sehen können.
Personal Android: Edward Jones ist verheiratet und hat eine Geliebte, beide zusammen werden ihm langsam zu anstrengend, weshalb ihm eine Anzeige gelegen kommt, in der persönliche Androiden angepriesen werden, die als Doppelgänger fungieren können. Sein zweites Ich soll bei seiner Frau bleiben, während er sich um die Geliebte kümmern will. Das Ganze ist dann allerdings nicht so einfach wie gedacht.
Offline: In einer digitalisierten Welt fällt der Strom aus und sorgt dafür, dass ein Mann nicht zur rechten Zeit aufwacht, sich kein Frühstück zubereiten kann, auswärts frühstückt, die Mahlzeit nicht bezahlen kann …
Kanonenfutter: Der Krieg wird von Androiden geführt. Der Tod als Erinnerung wirkt schädlich auf das weitere Kampfverhalten und sollte deshalb von der Festplatte gelöscht werden. Die Erfahrung bis kurz vor diesem Moment sollen allerdings erhalten bleiben, weil die womöglich den erneuten Tod verhindern können. Diese Feinabstimmung führt bei einem Androiden zu Komplikationen.
Bermuda-Dreieck: Virtuelle Welten sind der neuste Urlaubstrend, aber in letzter Zeit verschwinden immer wieder hübsche Frauen. Einige tauchen tot wieder auf, andere lebendig, missbraucht werden sie alle. Man versucht herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist.
Zur falschen Zeit: Ein todkranker Mann lässt sich in der Hoffnung auf eine spätere Heilung einfrieren. Er wird nicht nur einmal zurückgeholt.
Loris Wunderland: Lori, das Kind eines Außendienstlers hat ganz besondere Fähigkeiten, die bislang zwar verwunderten, aber nie gefährlich schienen. Das scheint sich geändert zu haben.
Geschenk von den Sternen: Es regnet seltsame Würfel aus dem All. Richtig angewandt können sie Duplikate erstellen und teleportieren. Es kommt zu unerwarteten Folgen.
Goodby James!: Rudi Gernegroß ergattert bei der Gepäckausgabe einen falschen Koffer. Alle Gegenstände in dem fremden Koffer sehen normal aus, funktionieren aber völlig anders als erwartet. Die Kamera lässt Gegenstände verschwinden die Stoppuhr kann die Zeit beeinflussen. Eine Frage der Zeit, bis der rechtmäßige Besitzer sein Eigentum zurückfordert.
Zum Abschuss freigegeben: Jeder Mensch muss mit 80 sterben, um der Allgemeinheit nicht weiter zur Last zu fallen. Zwei Männer, ein alter und ein jüngerer, machen sich auf den Weg, eine Frau, die sich diesem Gesetz nicht beugen will und sich in einer Einrichtung für Alte verkrochen hat, zu beseitigen.
Romanze in e-Dur: Die meisten jungen Menschen, die einen Partner suchen, verabreden sich mit ihren Avataren in virtuellen Welten. Jeder stellt sich so dar, dass er für das andere Geschlecht möglichst interessant ist. Richard trifft so auf eine Frau, die ihn mit ihrem Wissen beeindrucken möchte, eine Sexbombe und eine weitere Frau, die seinem heimlichen Schwarm, seiner schönen Nachbarin, sehr ähnelt.
Ein Hund uns sein bester Freund: Rob, ein Roboter, hat in einem Golden Retriever seinen besten Freund gefunden. Sie geraten in einen Sandsturm und werden getrennt.
Speck für die Maus: Ein Mann hat einen Termin mit einem Wohnungsmakler. Die Villa im Park sieht vielversprechend aus, allerdings finden sich in der Wohnung überall Angebote, die nur schwer auszuschlagen sind.
Habemus papam: Der Papst ist gestorben und es wird ein neuer gesucht. Zur Wahl stehen Männer, Frauen und Androiden.
Mutter Erde, Vater Kosmos: Ein Plasmate hat Erdurlaub und entdeckt, dass sein Heimatplanet sich sehr verändert hat. Aus Frust landet er in einer Kneipe, wo er von einem Mann zum Spiel aufgefordert wird.
Le dernier cri: Ein Mann hat sich mit seiner Lilli verabredet und sieht sein Konto schrumpfen, als sie ihm ein Kleid nach dem anderen präsentiert.
Die Tücken der Zeit: Ein Mann erfährt, dass seine Angebetete sich in einen anderen verliebt hat. Er will es ungeschehen machen, indem er in der Zeit zurückreist, aber es kommt ganz anders als geplant.
Körper zu vermieten: Menschen teilen sich einen Körper, aber auch hier muss man aufpassen, wen man sich da aufhalst.
Download: Ein Schuljunge hält sich immer öfter in spannenden virtuellen Welten auf.
Gepriesen sei die Große Mutter: Ein Team soll auf Lux IV nachforschen, was aus der Kolonie geworden ist, die vor 300 Jahren gegründet worden ist. Sie stoßen auf eine Welt, in der die Männer kaum noch eine Rolle spielen.
Stimme des Gewissens: Eltern sind mit ihrer Freizeitgestaltung so ausgelastet, dass sie sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern können, deshalb werden diese Aufgaben von Programmen übernommen, die man den Kindern ins Hirn pflanzt.
Zeitbeben: Einem Autoren ist kurz unwohl als er unbemerkt aus der Zeit fällt. In der Zeitung liest er, er sei tot.
Ruhe in Frieden: Ein Toter lässt auf seiner Beerdigung sein Leben Revue passieren.
Wir sind doch keine Wilden!: Essen wird als Pillen eingeworfen, alles ist hygienisch rein, selbst der Geschlechtsakt findet nur noch virtuell statt. Beton wird grün übertüncht, um Gras darzustellen. In diese Welt platzen neue Nachbarn, die alles natürlich haben möchten. Sie reißen den Beton weg und pflanzen Blumen und Bäume.

Alle Geschichten in diesem Band sind flüssig geschrieben und vielen merkt man ein Augenzwinkern des Verfassers an. Ich glaube, zu ernst will der Autor nicht genommen werden. Er bedient sich gerne üblicher Klischees, aber ich vermute, man darf nicht den Fehler machen, ihn mit seinen Protagonisten zu verwechseln. Seine Figuren sind nett, egal ob es sich um Menschen, Tiere oder Roboter handelt. Es haucht allem Leben ein und lässt den Leser mitfühlen. Obwohl man bei manchen Geschichten ahnt, wo es enden wird, kommt keine Langeweile auf. Der Autor schafft es, dass der Leser ihm selbst die ungewöhnlichsten Settings abkauft. Ob es Kinder sind, die fliegen können, Tote, die ihrer eigenen Beerdigung beiwohnen, oder Hunde, die sprechen, man glaubt es ihm. Sein Humor ist fein und oft nicht sofort zu erkennen und mir persönlich ist das viel lieber als der Hau-drauf-Humor.
Mommers nimmt aktuelle Themen und Entwicklungen aufs Korn und überzieht ein wenig, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Bei ihm kommt nie der Eindruck auf, er würde jammern.
Wie bei Geschichtensammlungen üblich, gefallen nicht alle Geschichten gleich gut. Bei manchen Storys mag sich die eine oder andere Leserin über die Art der Darstellung der Frauen wundern, aber ich persönlich, die ich auch schon fast 60 bin, kenne die Zeiten, in denen Marilyn Monroe der ultimative Männertraum war, auch noch gut und ich unterstelle dem Autor keinerlei Respektlosigkeit dem anderen Geschlecht gegenüber.
Mich hat das Buch gut unterhalten, deshalb kann ich es uneingeschränkt empfehlen.
(Marianne Labisch)

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